In wenigen Minuten empfängt der Servette FC den FC Zürich im Stade de Genève. Für das Aufeinandertreffen wurde die Tribune Nord gesperrt - zum wiederholten Mal.
Am Ursprung der Sanktion stand, übrigens bereits zum dritten Mal in drei Jahren, ein Auswärtsspiel beim FC Lausanne-Sport, das nicht ohne Nebgengeräusche über die Bühne ging (wir berichteten). Schade für den gemässigten Fussballfan und dumm von den Leuten, welche die Fussballbühne missbrauchen, um ihren angestauten Alltagsfrust abzulassen. Das Léman-Derby gipfelte in einem Kabelbrand auf den Bahngeleisen zwischen Lausanne und Renens. Dieser führte wiederum zu Zugausfällen und Verspätungen in der gefühlt halben Westschweiz.
Die Sicherheitsbehörden der Kantone Genf und Waadt reagierten. Beide Klubs wurden, gemäss dem Kaskadenmodell "Progresso", von den Behörden sanktioniert. Im Falle des SFC hiess dies strengere Einlasskontrollen und mehr Videoüberwachung für die Spiele gegen den FC St. Gallen 1879 und den FC Sion. Kurz vor den beiden Partien erfolgte eine zusätzliche Warnung an den Verein, dass das Abbrennen von Pyrotechnik ebenfalls Konsequenzen zur Folge habe. Gegen die Ostschweizer schienen die Massnahmen zähneknirschend akzeptiert zu werden. Im Stadion blieb es ruhig. Mit einigen Spruchbändern wurde Kritik an den Behörden und deren willkürlichem Handeln geäussert. Laut ihrer Meinung hätte das, auch von der SFL abgelehnte, Kaskadenmodell nicht aktiviert werden dürfen. Denn als "Progresso" 2023 vorgestellt wurde, hiess es im Wortlaut: "Damit das Kaskadenmodell ausgelöst wird, müssen die genannten Ausschreitungen im Rahmen von Gruppenhandlungen stattfinden. Von Einzelpersonen begangene Ausschreitungen sollen das Kaskadenmodell nicht auslösen." In ihren Augen handelte es sich, bei der in den Kabelschacht gefallenen Pyrofackel, um eine Aktion einer Einzelperson. Die Ermittlungen der waadtländer Polizei sollen sich ebenfalls gegen eine Einzelperson, und nicht gegen eine ganze Gruppe, richten. Da in Lausanne aber generell Unruhe herrschte, und es zu anderen Scharmützeln kam, kann man Leute verstehen, welche den Auslöser des Kaskadenmodells dennoch als berechtigt betrachten. Das ist in Ordnung.
Problematischer wird es jedoch, wenn man bis zum letzten Wochenende vorspult. Wie bereits erwähnt, erhielt der Servette FC eine Mahnung. Der Klub habe mit einer Hochstufung im Kaskadenmodell zu rechnen, sollte im Rhône-Derby Pyrotechnik zum Einsatz kommen. Eine Hochstufung hätte den sofortigen Stopp der Vorverkaufs sowie eine Kurvenschliessung gegen den FCZ zur Folge gehabt. Notiz am Rande, laut dem "offiziellen" Kaskadenmodell wäre eine Hochstufung nur dann vorgesehen gewesen, wenn die Pyrotechnik als Waffe/Wurfgegenstand eingesetzt worden wäre. Die Vorgabe wurde also zurechtgebogen.
Während die Partie gegen St. Gallen "auflagenkonform" über die Bühne ging, gab es für das Spiel gegen den Erzrivalen wesentlich weniger Verständnis für die angeordneten Massnahmen. Kurz nachdem der SFC über das Pyrotechnikverbot informiert hatte, schnellten die Ticketpreise auf der Osttribüne in die Höhe. Weil die Grenats mit einem dynamischen Preissystem arbeiten ein klares Zeichen, dass sich viele Fans vorsorglich mit Tickets in anderen Sektoren eindeckten. Auch in den sozialen Medien wurde die Werbetrommel gerührt. Die Kurvenschliessung wurde von vielen proaktiv eingeplant. In Genf gibt es ja genügend Ausweichmöglichkeiten. Unter dem Motto "Einer für alle - alle für Einen" wurde nach genau 13 Minuten und 12 Sekunden ein riesiges Feuerwerk auf der ganzen Tribune Nord abgebrannt. Eine klare Botschaft an die Sicherheitsbehörden, die mit einer Kollektivstrafe gedroht hatten.
Am letzten Dienstag war es dann soweit. Der Klub erhielt dicke Post. Die Schliessung der Tribune Nord wurde effektiv angeordnet (wir berichteten). Wiedereinmal müssen sich die Servette-Verantwortlichen mit einer Kollektivstrafe beschäftigen. Der Vorverkauf für das heutige Spiel wurde gestoppt. Die meisten regelmässigen Kurvengänger haben sich bereits mit Tickets eingedeckt. Und genau das macht die Situation nun befremdlich. Denn es stellt sich die Frage, wer jetzt eigentlich bestraft werde. Diejenigen, welche die geahndete Pyroaktion zu verantworten hatten, besitzen bereits alle ein Ticket für einen anderen Sektor. Wer sich etwas mit der Fanszene auseinandersetzt weiss, dass diese Personen (tendenziell), aufgrund gewünschter Anonymität, keine Saisonkarte besirtzt. Bestraft werden nun aber genau diese Personen. Abobesitzer auf der Tribune Nord und Personen, die sich im Vorverkauf Tickets für besagten Sektor gekauft haben, stehen nun vor verschlossenen Toren. Immerhin konnten Abobesitzer ein kostenloses "Schnupperbillet" für die Osttribüne erwerben, wenn sie früh genug dran waren. Die Bestrafung geht aber völlig an der Zielgruppe, den "Verursachern" vorbei. Dann hätte man es ja auch gleich sein lassen können.
Auch heute geht es nicht ohne Massnahmen
Für den heutigen Tag gelten wiederum spezielle Vorschriften. Der Klub ist offiziell auf "auf Bewährung" und hat neue Auflagen erhalten. So dürfen, ausserhalb des Gästesektors, keine Fahnen oder Protestbanner aufgehängt werden. Ebenso sind abgestimmte "Fangesänge" untersagt. Zu guter Letzt sollen auch Sanktionen ausgesprochen werden, sofern sich "organisierte Fangruppen" im und um das Stadion herum zu erkennen geben. Streng genommen könnten dies auch vier Buben sein, die ein "Allez Servette! Allez Servette!" anstimmen oder eine Fahne mitbringen. Eine absurde Anordnung, die auch von der Tribune de Genève kritisch hinterfragt wird. Giessen die Behörden mit diesen Massnahmen wieder Öl ins Feuer? Carole-Anne Kast, Staatsrätin im Kanton Genf, verteidigt die Kollektivstrafen und ist sich sicher, dass diese zu einer Verbesserung der Situation beitragen werden. Auf Anfrage der Tribune de Genève erklärt sie, dass man schweizweit einen Rückgang der Gewalt an Fussballspielen festgestellt habe, seit "Progresso" angewendet werde. Damit verschweigt sie aber, dass der Trend zu Gewaltexzessen rund um die hiesigen Fussballstadien auch vor der Einführung bereits rückläufig war.
In der Deutschschweiz haben verschiedene Vereine "Progresso" den Kampf angesagt. Der FC Zürich konnte einen Teilerfolg erringen, als er gegen eine Kurvenschliessung von 2024 Einsprache eingelegt hatte. Das Statthalteramt des Bezirks Zürich hiess den Rekurs gut. Der Tagesanzeiger berichtete darüber. Kollektivstrafen sind nicht zulässig und nicht zielführend.
Mit Spannung blickt man heute nach Genf, wo Fangesänge und Fahnen als "Gewaltorgien" verstanden werden können. Übrigens - im Falle einer Missachtung der Vorschriften droht ein Geisterspiel gegen die Grasshoppers (Samstag, 21.03.2026).
Als Maroons betonen wir nochmals, dass wir gegen Gewalt und für ein faires Miteinander stehen. Wir heissen Ausschreitungen, so wie in Lausanne, keineswegs gut. Dennoch schiessen diese Kollektivstrafen am Ziel vorbei, weil sie schlichtweg die falschen Personen treffen. Zudem verliert man sich mittlerweile in lächerlichen Vorschriften, die nichts mehr mit dem Thema "Gewaltprävention" zu tun haben.


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