WOZ rückt das "Feindbild Fan" in den Fokus
Aus den Stadien, aus dem Sinn
Die SBB verweigern Extrazüge und befeuern damit alte Ressentiments. Auch Teile der Politik versuchen, Fussball- und Eishockeyfans zu gängeln. Warum eigentlich?
Anlässlich der UEFA Safety and Security Conference vom 1. und 2. September 2026 in Madrid diskutierten mehr als 500 Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, Ligen, Klubs, Fanorganisationen und Behörden über die Bedeutung von Gästefans sowie über den Umgang mit Kollektivmassnahmen.
Ende September gab Barbara Rüegger dem «Bund» ein Interview. Die Fanarbeiterin des Berner Fussballklubs BSC Young Boys äusserte sich zum Alleingang der SBB, die Fanextrazüge ausserhalb des regulären Fahrplans nicht mehr anbieten wollen. Rüegger blieb sachlich, aber mit Argumenten muss man dem Wutbürgertum natürlich nicht kommen.
154 Leser:innenkommentare provozierte das Gespräch, überwiegend offenkundig vom Schlag Mensch abgesetzt, dem es schon den Blutdruck hochjagt, wenn der um zwei Zentimeter zu lange Nachbarrasen das eigene Vorstadtidyll bedroht. «Elendigliches Saupack», schrieb einer. So klingt das oft – neben Linken und Ausländer:innen sind Fussballfans eines der liebsten Feindbilder in solchen Kommentaren. Die Bilder der FCZ-Fans, die im September im Regelzug nach Sion reisten und beim Umsteigen den Bahnhof Bern vereinnahmten, waren vielen Beleg genug dafür, dass aktive Fussballfans verbannt gehörten – aus den Stadien, aus der Gesellschaft, aus dem Sinn. Sogar rechtlich heikle Mittel wie der gerade in Bern verwendete «Internetpranger» werden freudig beklatscht.
Die Extrazugdebatte steht exemplarisch für das schwierige Standing der Ultras, der organisierten Fussball- und Eishockeyfans. Die SBB berufen sich auf hohe Kosten, sie klagen über zu tiefe «Ticketquoten», dass also zu wenig Fans ein Billett lösen, und Vandalismus. Allein aus dem Betrieb von Extrazügen resultiere jährlich ein Defizit von knapp vier Millionen Franken. Der Konzern schreibt: «Darin sind die Sachschäden an Infrastruktur und Immobilien noch nicht eingerechnet. Diese machten in der vergangenen Saison rund zwei zusätzliche Millionen Franken aus.»
Kühle Buchhalterlogik
Es ist eine relativ einseitige Sichtweise. Generell scheint den SBB zuletzt in vielerlei Hinsicht das Augenmass abhandenzukommen: So wurden Personen gebüsst, die mit einem 2.-Klasse-Ticket vor der Abfahrt die 1. Klasse durchquerten. Die verschärfte Gangart gegenüber den Fans überrascht da wenig.
Dass gerade Fussballfans durchaus problematisch auftreten können, ist unbestritten. Dass es Sachschäden gibt. Aber viele Extrazugfahrten verlaufen ohne Zwischenfälle, teils nehmen Fans die Grobreinigung selbst vor. Die simple Rentabilitätsrechnung blendet zudem aus, dass sich nun mal nicht alles mit kühler Buchhalterlogik messen lässt, das gilt auch für wenig frequentierte Strecken im öffentlichen Verkehr.
Einer, der versucht, ein ganzheitliches Bild zu vermitteln, ist Claudius Schäfer, der CEO der Swiss Football League. Er sagt: «Jeder Gewaltvorfall und jede Sachbeschädigung ist eine zu viel, wir verurteilen diese Vorfälle aufs Schärfste. Es behauptet niemand, dass es keine Probleme gibt. Aber die Frage ist auch, welche Erwartungen man hat.»
Schäfer greift einen interessanten Punkt auf. Für manche Politiker:innen scheint England das ultimative Vorbild zu sein. Die dortige Premier League hat punkto Fankultur etwas Dystopisches; die Liga ist ein Milliardenvehikel, die Klubs gehören fast durchwegs mal mehr, mal weniger schurkigen Investoren, die potenzielle Risikofans durch stark erhöhte Ticketpreise aus ihren sterilen Hochglanzstadien entfernt haben. «Football is for you and me, not for fucking industry», eine alte Losung von Purist:innen, ist längst verblasst.
In Schweizer Stadien ist Fussball noch «Volkssport». Die Kurven sind Schmelztiegel für vorwiegend junge Männer, die auf den Stehrampen nach mehr suchen als nur dem kalten Rückenschauer nach der nächsten Kevin-Rüegg-Flanke unters Stadiondach. Es geht oft um ein Zugehörigkeitsgefühl, um Anschluss und Abenteuer. Man will etwas erleben, möglichst viel in kurzer Zeit, Reibung ist dabei ein nicht unwesentlicher Teil der Faszination. 2026 scheint es nicht mehr allzu viele Orte zu geben, die das bieten können – oder schon nur die Verheissung darauf. In der Summe geht es wie so oft um die Frage, wie es um die Toleranz der Gesellschaft steht, was sie aushalten kann, soll, will.
Adrian Werren, Leiter der Fanarbeit der Young Boys, stellt eine grundsätzliche Veränderung im öffentlichen Diskurs fest. «Die Meinungen zum Umgang mit Fussballfans sind vielerorts gemacht, es wird kaum noch differenziert», sagt er. «Gesellschaftlich scheint die Bereitschaft abzunehmen, es auszuhalten, dass junge Menschen Grenzen ausloten. Ihnen stehen dafür immer weniger Ventile zur Verfügung.» Fankurven bildeten eine der letzten grossen Subkulturen, in denen das möglich sei. Nicht zuletzt darum, glaubt Werren, seien sie in den letzten knapp zehn Jahren so stark gewachsen.
Die Fanszenen legen an Volumen zu. Und trotzdem gibt es weniger Vorfälle. Im Fussballbetrieb sind aktuell 340 Stadionverbote aktiv, im Eishockey knapp 200, wobei Letztere teils für Bagatellen ausgesprochen wurden. In Langnau erhielt ein Anhänger des HC Ambrì-Piotta kürzlich drei Jahre Stadionverbot für das Hochhalten eines «ACAB»-Transparents («All cops are bastards»). Glücklich darf sich der lokale Sicherheitschef schätzen, der keine anderen Probleme hat.
Beim Eishockey hat es zuletzt kaum Probleme gegeben, die Fanszenen sind deutlich überschaubarer als im Fussball, wo ein Stadionverbot wegen eines solchen Transparents kaum durchsetzbar wäre. Im Dezember 2025 zeigten Fans des FC St. Gallen in Thun eine ganze «ACAB»-Choreografie. Trotzdem nimmt auch im Eishockey der Druck auf die Fans zu. Ein Klub-CEO, der seinen Namen zu dieser Thematik derzeit lieber nicht in der Zeitung lesen will, sagt: «Gerade ist eines unserer Heimspiele von den Behörden von Grün auf Orange hochgestuft worden. Wir können uns das nicht erklären, es gab keine negativen Ereignisse.»
Bei der Sicherheitsbeurteilung gibt es ein Ampelsystem: Grün, Orange, Rot. Schon Orange bedeutet ein klar grösseres, teureres Aufgebot. Die Klubs haben dabei kein Mitspracherecht. Jahrelang lag der Schnitt an grünen Spielen in der höchsten Eishockeyliga bei über 85 Prozent. Anfang Oktober waren es nur noch knapp 82. Ein Klubfunktionär sagt, er werde das Gefühl nicht los, dass die Polizei bei der Bewertung eine gewisse Quote zu erfüllen habe, um die eigenen Dispositive zu rechtfertigen.
Zuletzt sahen sich Gästefans in Lausanne und beim Meister Fribourg-Gottéron mit einigermassen absurden Auflagen konfrontiert: In Fribourg wollten die Behörden die Fans des SC Bern nur in den Gästeblock lassen, sofern alle ab Bern mit dem Car anreisen. Inwiefern das etwa für den SCB-Fanklub Murten praktikabel sein soll, bleibt rätselhaft. Die Konsequenz: Die SCB-Fans boykottierten die Partie, Gottérons famose Serie von bis dahin 103 ausverkauften Partien riss. Beim Fussballderby zwischen Lausanne und Servette Genf wurden die Gästefans ausgesperrt, obwohl sie die umfassenden Bedingungen erfüllten. Lausanne-Sport weigert sich bisher, die Ticketkosten zu erstatten.
Stumpfe Symbolpolitik
Alice Kropf sitzt für die SP im Berner Grossrat, einem Gremium, das spätestens seit der «Antifa»-Verbotsforderung von Anfang Juni (siehe WOZ Nr. 24/26) die nationale Speerspitze für Symbolpolitik darstellt. Als im September über eine in ein Postulat umgewandelte Motion von André Roggli (Die Mitte) zu verstärkter Repression gegen Sportfans abgestimmt wurde, sagte Kropf: «Wenn man das Zünden von Pyros abzieht, hat es in der Saison 2025/26 in der Super League insgesamt 58 Gewaltereignisse gegeben – bei 512 Spielen mit mehr als drei Millionen Zuschauer:innen. Gleichzeitig gab es schweizweit 22 000 Straftaten im Bereich der häuslichen Gewalt.»
Das eindrückliche Votum verhallte ungehört, die Hardliner:innen gewannen die Abstimmung, sie fordern unter anderem personalisierte Tickets, flächendeckende Gesichtserkennung und schnellere Strafverfahren. Kaum etwas davon ist praktikabel, aber mit scharfer Rhetorik gegen Fans lässt sich nun mal ein politisches Momentum erzeugen. «Es wird eine Bedrohungslage konstruiert, die in keiner Verbindung zur Realität steht», sagt Kropf.
Über personalisierte Tickets wird seit Jahrzehnten diskutiert. Claudius Schäfer sagte schon vor Jahren: «Das ist nicht zielführend, sondern kontraproduktiv und provokativ.» Der CEO der Swiss Football League wirkt leicht ermüdet, wenn er über das Thema Sicherheit redet. Andauernd gibt es neue Forderungen abzuwehren, und seien sie noch so hilf- und sinnlos. Das Kaskadenmodell etwa, das 2024 von der bei jeder Gelegenheit nach zusätzlichen Mitteln und Kompetenzen lechzenden Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren sowie Teilen der Politik feierlich eingeführt wurde, ist einigermassen krachend gescheitert. Inzwischen wird es, wenn überhaupt, nur noch in der Romandie angewendet, wo sich selbst linke Politiker:innen als Repressionsturbos zu profilieren versuchen.
Das Modell sah umfassende Kollektivstrafen vor, etwa die Sperrung von Fankurven. Und dazu teils eigenartige Doppelbestrafungen, etwa im Umgang mit pyrotechnischem Material: Wer an einer Demo oder einem Konzert mit einer Pyrofackel erwischt wird, soll eine Busse erhalten. Im Umfeld von Sportveranstaltungen sollte zusätzlich auch noch ein Stadion- und/oder Rayonverbot hinzukommen. Seit der Zürcher Statthalter im Sommer 2025 eine gegen die Südkurve des FC Zürich verhängte Sektorschliessung für widerrechtlich erklärte, sind die Massnahmen zu einem weiteren Papiertiger verkommen. Ein Gerichtsfall im Kanton Waadt ist hängig.
Die stille Beerdigung der Kollektivstrafen ist ein Sieg für all jene, die von Anfang an deren Widersinn monierten: Fachleute, deren Stimmen kein Gehör fanden. Schäfer sagt: «Wir stellen seit vielen Jahren fest, dass es neben der Einzeltäterverfolgung kein besseres und nachhaltigeres Mittel gibt als den Dialog. Es ist enorm hilfreich, wenn es lokale Fanarbeiter gibt, die sensibilisieren und die Szene kennen.» Derzeit ist das in Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Zürich der Fall. Bald könnte Thun folgen. Bei der ganzen Aufregung und dem teilweise schrillen Ton in der öffentlichen Debatte ist das die gute Nachricht: dass es im Stillen durchaus mit Augenmass vorangeht.
Quelle: (woz.ch / 22.10.2026 / Nicola Berger)