Auch die letzte Ausgabe des Léman-Derbys ging nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne. Zwei leere Fankurven und ganz viel Frust überschatteten den (eigentlich) besonderen Charakter dieser Affiche. Doch was geschah eigentlich ausserhalb der Spielstätte?
Nur einen Tag nach dem Derbysieg veröffentlichte der Servette FC eine offizielle Stellungnahme auf seiner Website.
Diese Stellungnahme liest sich wie folgt:
Der Servette FC möchte auf die Ereignisse zurückblicken, welche sich rund um die Reise seiner Fans nach Lausanne abgespielt haben. Zusammen mit der SFL wurde ein Konzept für die Beförderung der Servette-Fans vom Bahnhof bis zum Stade de la Tuilière ausgearbeitet. Dieses Konzept wurde schliesslich, nach zahlreichen Gesprächen mit allen involvierten Parteien, zwei Tage vor dem Spiel von den waadtländer Behörden genehmigt.
Vorneweg darf gesagt werden, dass dieses Konzept funktioniert hat. Die Gästefans sind ruhig am Bahnhof Lausanne angekommen, von wo sie in Bussen zum Stadion chauffiert wurden. Dies entsprach exakt den Vorgaben, welche in der Spielbewilligung festgehalten worden sind. Die eingesetzten Reisebusse wurden vom Servette FC gechartert.
In unmittelbarer Nähe des Stadions führte schliesslich ein Fahrfehler dazu, dass der Konvoi etwa hundert Meter vor dem Stadion gestoppt wurde. In der Folge wollten die Fans die verbliebene Strecke zu Fuss zurücklegen. Dies lehnten die Ordnungskräfte vor Ort ab. Sie forderten die Fans dazu auf, wieder in die Fahrzeuge zu steigen, um die letzten Meter per Bus zurückzulegen. Nach einer Diskussion mit der Polizei erklärten sich die Servette-Fans bereit, wieder in die Busse einzusteigen. Schliesslich wurde der Transport fortgeführt.
Beim Eingang des Gästesektors angekommen, spitzte sich die Lage leider wieder zu. Bereits im Vorfeld der Partie wurden angekündigt, dass das in der Schweiz angewandte "Good Hosting Prinzip" für dieses Spiel nicht zur Anwendung komme. Es wurden verstärkte Kontrollen und Leibesvisitationen angeordnet. Der Servette FC stellt fest, dass diese nicht dazu beigetragen haben, das bis dahin ruhige und konstruktive Klima aufrechtzuerhalten.
Die Spannungen vor Ort führten schliesslich dazu, dass die Ultra-Gruppe des Servette FC darauf verzichtete, sich ins Innere des Stadions zu begeben. Aus Solidarität beschloss auch die Fankurve aus Lausanne, die Tribüne zu verlassen. Allein diese Geste zeugt vom Willen der Fankurven beider Vereine, im Rahmen dieses Derbys den Dialog zu suchen und zusammenzuarbeiten.
So kam es im Anschluss vor dem Eingangsbereich des Gästesektors sowie am Bahnhof zu Zwischenfällen. Der Servette FC bedauert dies und verurteilt jede Form von Gewalt.
Unser Klub bedauert diese Ergebnisse umso mehr, weil sich das Transportkonzept zuvor als wirksam erwiesen hatte. Alle Fans aus Genf konnten in Ruhe am Bahnhof versammelt und bis in die unmittelbare Nähe des Stadions gefahren werden. Nach der derzeitigen Sachlage ist der Servette FC der Ansicht, dass dieses Konzept mehr Vorteile gebracht habe, als die Herangehensweise der vergangenen Jahre. Die kontrollierte Verschiebung der Fans war eines der Hauptthemen, der Gespräche, die im Vorfeld dieser Begegnung geführt worden sind.
Der Verein steht selbstverständlich weiterhin voll und ganz zur Verfügung, um mit der SFL, den Behörden, dem FC Lausanne-Sport und allen anderen beteiligten Akteuren über weitere Lösungen nachzudenken, die bei den nächsten Begegnungen umgesetzt werden können. Alle Parteien müssen dasselbe Ziel haben: jegliche Form von Gewalt zu verhindern, den Fans Reisen unter würdigen Bedingungen zu ermöglichen und ihnen den Stadionbesuch sowie die Unterstützung ihrer Mannschaft zu ermöglichen.
Der Servette FC stellt weiterhin den Dialog und die Zusammenarbeit in den Vordergrund, damit auch für die kommenden Auswärtsspiele konstruktive Lösungen gefunden werden können – unter Wahrung der generellen Sicherheit sowie den Stellenwert, welchen die Fans im Fussball haben.

Foto: M.K.
Schilderungen eines Marooners vor Ort:
Bereits seit einigen Jahren boykottieren zahlreiche Marooner die Auswärtsspiele in Lausanne, oder sie weichen in den Heimbereich aus. Am letzten Sonntag war mit Roman dennoch ein bekanntes Gesicht unter den Personen, die das Spiel vom Gästeblock aus verfolgen wollten. Er reiste mit dem Auto nach Lausanne. Dort schloss er sich, zusammen mit seinem Sohn, am Bahnhof dem Servette-Tross an. Dieser bestand aus rund 600 Personen.
Er berichtet, dass der Transfer mit den Shuttlebussen gut organisiert gewesen sei. Alles war friedlich und die Capos wiesen sogar darauf hin, dass die Situation angespannt sei. Man solle sich trotz Derbystimmung unter Kontrolle halten. Mit dieser Ansage verliessen die zwölf Busse den Bahnhofvorplatz in Richtung Stade de la Tuilière um zirka 15:00 Uhr - eine halbe Stunde nach Eintreffen des Extrazugs.
Die Fahrt zur Spielstätte war in Ordnung, bis es zu einem Halt kam. Das Stadion war in Sichtweite. Man stand etwa 200 Meter vor dem Eingangsbereich des Stadions. "Wir mussten 45 Minuten lang in den Bussen ausharren. Einzig die Ultras in den vordersten zwei Fahrzeugen stiegen aus und schienen mit den Einsatzkräften zu diskutieren. Wir sassen im sechsten oder siebten Bus. Irgendwo in der Mitte. Wir bekamen nichts mit. Es war wie ein Gefangenentransport", beschreibt der Marooner das Erlebte. "Die einzige Möglichkeit, aus dem Bus zu kommen, war eine Bitte, auf die Toilette zu gehen", fügt er an: "aber auch dann durfte immer nur eine Person raus und am Strassenrand pinkeln."
Roman weist darauf hin, dass er in einem Bus mit Familien und älteren SFC-Anhängern sass. Was mit den Ultras in den vordersten zwei Bussen lief, bekam man nicht mit. Hin und wieder stieg ein Security-Mitarbeiter in den Bus und informierte, dass man weiterhin blockiert sei. Mit der Zeit liess die Polizei Kinder unter 12 Jahren aussteigen, damit sie sich draussen an den Strassenrand setzen durften.
Kurz nach Anpfiff kam Bewegung in die Sache. Die Blockade wurde gelöst und die Busse wurden zum Gästeeingang geleitet. "Dort haben wir uns noch Tickets gekauft. Wir waren froh, dass wir das Spiel doch noch zu sehen bekommen", wähnte sich Roman in falscher Sicherheit. Denn nach bereits zwanzig eingelassenen Personen riegelte die Security die Eingänge wieder ab. Es gab bis zur Halbzeitpause keine Möglichkeit, irgendwie in den Gästesektor zu kommen. Beim Seitenwechsel verliessen die zwanzig Personen das Stadion wieder. Lausanne-Sport behauptete, dass man die Eingänge zur Pause wieder geöffnet habe. Vor Ort schien diese Info aber nicht weitergegeben worden zu sein. "Wir sassen alle auf dem Platz hinter der Tribüne und haben den Match auf den Smartphones geschaut. Es gab so viele Leute, die ihr Ticket erst vor Ort gekauft haben. Es ist doch klar, dass die alle ins Stadion gegangen wären."
Wem das ganze Treiben zu bunt wurde, der durfte den Bereich nicht verlassen. Dies bekamen auch einige "ruhige" Fans zu spüren. Sie wollten über einen Zaun klettern, wurden dann aber von der Polizei abgefangen und zurückgeschickt. Nach einer Weile sei es im vorderen Bereich der "Ausgeschlossenen" unruhig geworden. Plötzlich hätten die Einsatzkräfte Tränengas eingesetzt. Zwar hätte dieser Einsatz nur der vorderen Gruppe gegolten, die Wolke habe aber dann auch die gemässigten Fans im hinteren Teil der Gruppe erfasst. "Auch die Busfahrer, welche nachher wieder an den Bahnhof fahren mussten, haben etwas abbekommen! Das war richtig gefährlich!"
Rund dreissig Minuten nach Abpfiff sei man wieder angewiesen worden, sich in die Shuttlebusse zu begeben. Danach ging es in Richtung Bahnhof. "Dort sind wir schnellstmöglich abgehauen, weil wir nur noch nach Hause wollten. Was dann noch lief, kann ich nicht sagen", schliesst Roman die Schilderung seines Matchtags ab. In Lausanne habe er auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. So schlimm wie am Sonntag sei es aber nie gewesen.
Die Konsequenzen eines Skandalderbies
Wie der Servette FC in seiner Stellungnahme erwähnte, soll sich die angespannte Stimmung am Bahnhof Lausanne entladen haben. Wie Radio Lac schreibt, sollen sich rund 40 Personen der Polizei entgegengestellt haben. Die Ordnungskräfte sollen mit verschiedenen Gegenständen beworfen worden sein. Es kam zum Einsatz von Gummischrot. Genau solche Szenen wollen auch wir nicht sehen! Am Sonntag schienen die Behörden dies aber mutwillig in Kauf genommen zu haben.
Die postwendende Antwort der KKJPD erfolgte gestern Abend. Im Sinne des Kaskadenmodells reagieren die Sicherheitsbehörden wieder mit Kollektivstrafen. Der SFC muss die nächsten beiden Partien "auf Bewährung" austragen. Gleichzeitig muss der Verein sicherstellen, dass es am nächsten Heimspiel zu schärferen Kontrollen und genauerer Videoüberwachung im Eingangsbereich kommt. Betroffen ist hier die Partie gegen den FC Sion (Samstag, 10.10.2026).
Ebenso postwendend reagierte der FC Lausanne-Sport, als er gestern mit Anfragen zu Ticketrückerstattungen eingedeckt worden war. Die Waadtländer verweisen darauf, dass man das Spiel ab der zweiten Halbzeit im Gästeblock hätte verfolgen können. Zudem schiebt der Rivale den Servette-Fans den "schwarzen Peter" zu. Sie sollen initial für die ganze Polemik verantwortlich gewesen sein. Diverse Anhänger der Grenats veröffentlichten die Antwort der Ticketingabteilung auf den sozialen Kanälen
J'ai écris à la billeterie du Lausanne Sport, voici la réponse... pic.twitter.com/VyhIiLld6I
— WharkInterface (@wharkinterface) September 14, 2026
Fauxpas vom Stadionspeaker
Ins Fettnäpfchen getreten ist auch der Speaker im Stade de la Tuilière. Als sich der Lausanne-Block aus Solidarität zu den Genfern leerte, griff dieser zum Mikrofon: "Sie sehen es. Die Fangruppen streiken. Aber die richtigen Fans sind noch immer hier und schauen das Spiel! Zögert nicht, eure Mannschaft anzufeuern!"
Die Reaktion des Publikums war ein gellendes Pfeifkonzert, das auch am Fernseher gut zu hören war.
Mit diesen Zeilen geht es nicht darum, das Fehlverhalten von Einzelpersonen zu legitimieren. Gewalt und Randale haben im Fussball nichts zu suchen! Man darf aber auch die behördlichen Massnahmen kritisieren, die am Sonntag völlig überrissen schienen. Es wurde einzig darauf abgezielt, die Situation so lange aufzuheizen, bis man wieder mit dem Finger auf den "bösen Fussballfan" zeigen kann. Man muss sich als Polizei nicht alles gefallen lassen, doch man muss keine Probleme provozieren, wenn es keine Probleme gibt.
Hiermit schliessen wir das 205. Léman-Derby ab und richten den Blick nach vorne. Morgen gastieren wir beim amtierenden Schweizermeister. Dieser ist ausser Form. Hoffen wir auf positive, sportliche Schlagzeilen am Tag danach.

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