Gérard Castella geht in Rente - und blickt zurück!
Mit 73 Jahren ist Schluss
Spieler, Trainer, Ausbildner - Gérard Castella hat im Fussballgeschäft schon so manche Rolle gesehen. Zum Saisonende verabschiedet er sich vom professionellen Fussball und geht in Rente.
In einem Gespräch mit "24 Heures" blickt der heutige Ausbildungschef des BSC Young Boys auf ein Leben zurück, das er dem runden Leder gewidmet hat. Dass es soweit gekommen ist war keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Der Vater war zu seinen Jugendzeiten nicht erfreut, dass seine Söhne Gabet und Gérard Gefallen am Fussball gefunden hatten. Erst mit der Zeit, als die beiden Sprösslinge ihren Weg in die Nationalliga A fanden, liess sich das Familienoberhaupt umstimmen. Es sind Kindheitserinnerungen, die Castella einholen. Es sind aber auch Erinnerungen an ein Zeit, in welcher der Sport anders gelebt wurde. Früher sei viel weniger Wert auf die Physis eines Spielers gelegt worden. Heute seien die Profis allesamt richtige Athleten. Auch die Einführung des VAR habe das Spiel verändert. Agressoren hätten heute einen wesentlich schwierigeren Stand, als noch früher. Versteckte Tätlichkeiten werden heute am Bildschirm aufgedeckt. Die Rüpel hätten gar keine Chance mehr, ihr unfaires Spiel aufzuziehen. Als negativ bewertet der 72-jährige das Geld, das insbesondere junge Akteure beeinflusse. "Zu meiner Anfangszeit bei Servette habe ich 400 Franken verdient. Der Traum von Einsätzen in der Nationalliga A stand im Vordergrund. Heute sieht das anders aus", stellt er fest.
Castella lebt heute mit seiner Familie in einem Haus in der Region Neuchâtel. Beim orstansässigen Neuchâtel Xamax stand er von 2006 bis 2008 als Trainer an der Seitenlinie. Prägendere Stationen in der Romandie waren diejenigen in Lausanne und beim SFC. Für beide Klubs stand er als Spieler auf dem Platz - und bei beiden bekleidete er das Traineramt. In Genf hat der frühere Mittelfeldspieler Legendenstatus - dies auch, weil er als letzter Coach einen Schweizermeistertitel (1998/1999) erringen konnte. Den Triumph bewertet Castella, noch heute, als eines seiner grössten Karrierehighlights - zusammen mit dem YB-Meistertitel 2023/2024 und dem WM-Erfolg mit der schweizer U17-Nationalmannschaft 2009 (in beiden Fällen als Staffmitglied). Seine Leidenschaft für Servette und den FC Lausanne-Sport hat sich Castella bewahrt. Bei beiden Vereinen besitzt er eine Saisonkarte, welche er aus eigener Tasche bezahle.
Bunte Anekdoten aus einer langen Karriere
Gegenüber der Lokalzeitung plaudert der Genfer aus dem Nähkästchen. So erzählt er von einem Trip nach Hamburg, den er mit seinen Servette-Teamkollegen Pierre Dutoit und Marc Schnyder unternommen habe. Man wollte Bernd Dörfel besuchen, der nach seiner Zeit bei den Grenats in seine Heimat gezogen ist. Unterwegs habe das Trio in Hannover übernachten wollen. Dort angekommen stellte man fest, dass am selben Tag das DFB-Pokalfinale in der Hauptstadt Niedersachsens ausgetragen wurde. Castella & co. sahen zwar nichts mehr vom Spiel, wollten sich aber das Stadion vor Ort anschauen. Mehrere Stunden nach dem Abpfiff, es war etwa 23:00 Uhr, waren die Pforten der Spielstätte überraschenderweise offen. Man habe sich ins Innere geschlichen und auf dem Rasen herumgeblödelt. Schliesslich habe man sich entschlossen, mitten auf dem Platz ein Zelt aufzustellen und dort zu übernachten. Am frühen Morgen wurde man unfreundlich von der deutschen Polizei geweckt. Diese gaben den Schweizern drei Minuten, um sich aus dem Stadion zu begeben. "Die Polizisten hatten Hunde dabei und waren nicht zum Scherzen aufgelegt. Wir waren in zwei Minuten zum Auto gerannt", scherzt Castella.
Eine andere Story ereignte sich 1984 im Auxerre. Philippe Fargeon, später auch für Servette aktiv, wechselte vom Etoile Carouge FC zur AJ Auxerrre. Als ehemaliger Mitspieler und junger Trainer wollte Castella Fargeon in Frankreich besuchen. Zwei Tage lang war er bei AJA zu Gast. Dabei konnte er sich auch mit Trainerlegende Guy Roux austauschen. Unvergessen blieb aber Castellas Abreise. Als er vor dem Trainingsgelände in sein Auto steigen wollte, wurde er von einem jungen Mann angesprochen: "Oh, Monsieur! Ich habe es satt, hier zu sein! Nehmen Sie mich im Kofferraum mit, dann komme ich nach Genf, um dort zu spielen", soll der Nachwuchskicker gesagt haben. Es war kein Geringerer als er 18-jährige Eric Cantona. "Ich glaube, ich habe gezögert. Aber das hätte ich ja nicht machen können", erinnert sich die Servette-Legende. Es hätte eine Geschichte werden können, über die man im hiesigen Fussball noch heute sprechen würde.