Man wird einfach nicht schlau aus der Version 2026 des Servette FC. Man beweist, dass man Fussballspielen kann, macht sich das Leben aber ein ums andere Mal selbst schwierig. Auch im gestrigen Léman-Derby wäre mehr als ein Remis dringelegen. Im Stade de la Tuilière durfte Jocelyn Gourvennec auf Ablie Jallow zählen. Die Einsprache gegen seine Sperre aus dem Thun-Spiel wird geprüft und hat eine aufschiebende Wirkung. Auch deshalb war damit zu rechnen, dass der frühere Ligue-1-Spieler von Beginn weg mittun wird.
Es war aber nicht der Gambier, der bei Spielstart auf mich aufmerksam machte. Nach einer ruppigen Startphase hatte Stevanovic auf der rechten Seite viel Platz. Der Routinier packt sein Zauberfüsschen aus und spielt einen halbhohen Ball hinter die Abwehr. Dort lauerte Mráz. Der slowakische Internationale setzt zum Volley an und hämmert den SFC mit 0:1 in Front! Ein Start nach Mass für die Gourvennec-Truppe.
Doch die Servettiens wären nicht die Servettiens, wenn sie sich nicht selbst wieder in unbequeme Situationen bringen würden. Keine zehn Minuten nach der Führung schlägt auch Roche einen Ball in die Gefahrenzone. Beloko ist als Empfänger für den Flankenball gedacht. Der Winterneuzugang legt sofort zum Penaltypunkt rüber. Dort kann Traoré einschieben, wird abcer von Burch in den Rücken gestossen. Für Schiedsrichter Kanagasingam ein klares Verdikt - Foul und Elfmeter für Lausanne. Als hätte sich der Fussballgott gänzlich von den Grenats abgewandt, meldete sich nun auch der VAR. Dieser zückte das Regelwek und bemerkte, dass Burch seinen Gegenspieler, ohne Chance auf die Kugel, zu Fall gebarcht habe. Folglich handelte es sich beim Foulspiel um eine Notbremse, die mit Rot geahndet werden müsste. Kanagasingam hatte keine Lust, den Konjunktiv stehen zu lassen. Er schickte den Verteidiger vorzeitig unter die Dusche.
Den fälligen Penalty übernahm Mittelfeldspieler Roche. Der Schwede schoss satt ins rechte Eck und stellte das Skore auf 1:1.
Die Gäste standen nun mit dem Rücken zur Wand. Wie schon vor ein paar Wochen müssen sie das Léman-Derby mit einem Mann weniger bestreiten. Gar nicht hilfreich ist dabei, dass sich plötzlich auch die eigenen Spieler gegen den Klub wenden. In der 39. Minute leistet sich Mazikou einen riesigen Lapsus. Der Kongolese verstolpert einen Ball gegen Traoré. Der LS-Stürmer zieht alleine davon und düpiert Mall zum 2:1. Es war eine Szene, die wohl so manchen ausgeschütteten Bierbecher im Gästeblock zur Folge hatte.
Noch vor dem Pausenpfiff versuchten die Genfer wenigstens das Resultat zu konzentrieren. Mráz prüfte Letica aus kurzer Distanz, blieb aber erfolglos.
Mit geneigten Häuptern marschierten die Servettiens in die Katakomben. Was wird sie im zweiten Durchgang erwarten?
Wider erwarten kamen die Gäste nach Wiederanpfiff nicht unter die Räder - ganz im Gegenteil. Ohne dass ihnen eine numerische Unterzahl anzumerken gewesen wäre, suchten sie den Ausgleichstreffer. Ein Kopfballversuch von Mráz musste wieder von Letica entschärft werden. Und der SFC drückte weiter. Eine knappe Stunde war absolviert, da nahm Stevanovic an der Strafraum Mass. Mit viel Gefühl zirkelte der Bosnier das Leder zum 2:2 ins lange Eck. Welch freudige, aber verdiente Überraschung!
Jetzt war Lausanne-Sport unter Zugzwang. Trainer Zeidler wusste zu reagueren und brachte drei neue Kräfte. Umgehend kippen die Kräfteverhältnisse wieder. Nun drücken die Waadtländer auch das Tor. Nach 65 Minuten fällt "LS" überfallartig in den genfer Strafraum ein. Bergvall passt zum eingewechselten Diakité. Dessen Schuss kann Douline mit dem Fuss abwehren. Der Abpraller gelangt zu Beloko, der selbst sofort draufhält und die Latte zittern lässt. Das hätte das 3:2 sein müssen!
Zeidlers Jungspunde hatten nun Blut geleckt. Nur wenige Minuten später hebelte Diakité den gegnerischen Abwehrriegel aus. Janneh, ebenfalls kurz zuvor eingewechselt, tänzelt Severin als letzten Mann aus. Vor dem Gehäuse blieb der spanische U19-Nationalspieler ganz cool. Mit einem Heber überwand er Mall zum 3:2. Das Aufbäumen der Rhône-Städter schien für die Katz gewesen zu sein.
Lange schien es, als wäre diese Annahme korrekt gewesen. Doch dann musste sich auch Beloko frühzeitig verabschieden. Nach zu lautstarken Beschwerden beim Unparteiischen sah der Schweiz-Kameruner Gelb-Rot. Somit gingen beide Seiten mit je zehn Spielern in die Nachspielzeit. Und siehe da, plötzlich war Servette wieder voll dabei! Cognat steckt auf Njoh durch. Dieser spielt scharf in den Rücken der Abwehr, wo Stevanovic angebraust kommt und zum 3:3 einschiebt! Was für ein Finale!
Beim Unentschieden blieb es! Angesichts des SPielverlaufs ein unglaublicher Kraftakt der Grenats, der honoriert gehört. Andererseits warf man, bedingt durch Unkonzentriertheiten, leichtfertig zwei Punkte weg. Damit behält man den Vorsprung auf die Grasshoppers, verpasst es aber auch, Boden auf YB gut zu machen. So bleibt, wie schon seit Wochen, ein "Geschmäckle". Diesen Samstag kommt der FC St. Gallen 1879 nach Genf. Kein leihtes Unterfangen, aber man weiss ja nie. Hoffen wir auf eine Leistung wie in der zweiten Hälfte des Lausanne-Spiels.
FC Lausanne-Sport – Servette FC 3:3 (2:1)
Stade de la Tuilière : 7'949 Zuschauer
Schiedsrichter : Anojen Kanagasingam ; Pascal Hirzel, Ilco Jancevski
VAR : Michèle Schmölzer ; Mirel Turkes
Tore : 20 ' Mráz (0:1), 28' Roche (Foulpenalty) (1:1), 39' Traoré (2:1), 59' Stevanovic (2:2), 73' Janneh (3:2), 90'+1 Stevanovic (3:3)
Servette FC : Mall ; Burch, Rouiller, Mazikou (46' Severin) ; Mendes (80' Allix), Cognat, Douline, Njoh ; Stevanovic, Jallow (80' Lopes) ; Mráz (90'+3 Fomba)
FC Lausanne-Sport : Letica ; Bergvall, Mouanga, Sow, Poaty (64' Fofana) ; Custodio, Roche, Beloko ; Lekoueiry (74' Mollet) ; Traoré (64' Diakité), Butler-Oyedeji (64' Janneh)
Verwarnungen : 45'+3 Roche, 68' Beloko
Gelb-Rot : 89' Beloko
Rot : 27' Burch
Bemerkungen : Servette ohne Ayé, Frick, Guillemenot, Ishuayed, Srdanovic (Verletzt), Morandi, Vincent (Nicht im Aufgebot) ; Lausanne ohne Soppy (Gesperrt), Abdallah, Bair, N'Diaye, Sigua (Verletzt), Bruchez, Franchi, Grosso, Lachhab, Lippo, Renovales (Nicht im Aufgebot), 65' Lattenschuss von Beloko

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