Man mag sich vielleicht noch an die Ferien auf Sardinien im Sommer 2002 erinnern. Irgendwo an einem Strassenstand legt ein Händler Fussballtrikots der Koryphäen des Weltfussballs aus. Ein Frankreich-Trikot von Thierry Henry, oder doch das Barcelona-Shirt mit Ronaldinho auf dem Rücken? In was soll man sein erspartes Sackgeld und den "Ferienbatzen" der Grosseltern investieren? Dies waren die Fragen, welche so manchen Buben oder so manches Mädchen geplagt haben werden. Dass die Trikots offensichltich gefälscht waren, war komplett egal. Neidische Blicke der FC-Kollegen waren garantiert, wenn man mit einem Real-Shirt und Zinédine Zidanes Nr. 5 im Training auftauchte.
Mittlerweile sind gut zwanzig Jahre vorbei. Die Welt hat sich verändert und die Shirts aus Sardinien haben es maximal in eine Erinnerungsbox auf dem Dachboden geschafft. Die Idole der Vergangenheit wurden zu Legenden. Und die Profiträume, die man als Kind am Strand von Sardinien auslebte, sind zu Erinnerungen verblasst. Auch die grossen Vereinen wirken nicht mehr so attraktiv, wie damals, als man sich noch ein Beckham-Poster aus der Bravo Sport an die Wand des Kinderzimmers gehängt hat. Heute trägt man, aus persönlicher Sicht des Schreibers, quasi nur noch Servette-Shirts. Zum Padel, zum Squash oder wenn man an ein Spiel des SFC reist - die Grenats haben sich in den Mittelpunkt des eigenen "Fantums" gekämpft.
Es ist Dezember 2025. Der Black Friday ist Geschichte. Weihnachten steht vor der Tür. Man hofft auf eine Rabattaktion, um sich ein neues Trikot des 17-fachen Schweizermeisters zu kaufen. Man googelt und man scrollt. Da sticht es sofort ins Auge: Das aktuelle Servette-Trikot - für CHF 8.-! Man öffnet die Website und schaut sich das Produkt etwas genauer an. Erstaunt stellt man fest: Es handelt sich um eine Fälschung! Ein Fälschung eine Servette-Shirts! Wie viele Leute kaufen so etwas? Und wie ist die Qualität?
Genau dieses Thema hat auch Journalisten des Tagesanzeigers beschäftigt. Ihnen fiel im privaten Umfeld auf, dass sich der Sohn eines Bekannten zum Black Friday ein neues Shirt von Ajax Amsterdam gekauft hat - für CHF 0.81 (inkl. Versandkosten) aus China! Im Selbsttest wurden drei GC-Shirts bestellt. Sie alle kamen an und hatten sogar noch eine Beflockung von Indentifikationsfigur Amir Abrashi auf dem Rücken.
Es sind Websites wie AliExpress oder Temu, welche Trikots zu Dumpingpreisen anbieten. Die Zeiten, in welchen nur Grossklubs mit der Thematik konfrontiert gewesen waren, sind vorbei. Shirts vom FK Dukla Prag (Tschechien), Mansfield Town FC (England), Sandvikens IF (Schweden), oder eben der (fast) ganzen Palette an Super-League-Teams, werden auf den besagten Websites angeboten. Spannend ist dabei auch, dass sogar zwischen Shirts aus mehreren Spielzeiten gewählt werden kann. Die Preise sind so lächerlich tief, dass man sich fragt, wie überhaupt Gewinn damit erzielt werden kann. Die Absatzmärtkte sind schliesslich, auch bei stolzen Preisen der "konkurrierenden" Originaltrikots (z.B. CHF 110.- beim SFC), nicht unerschöpflich gross. Auch, wenn sich nicht jedermann ein offizielles Shirt aus dem Fanshop leisten kann.
Wie es scheint, finden die gefälschten Trikots, zumindest hierzulande, tatsächlich Abnehmer. Auf Anfrage des Tagesanzeigers bestätigte ein Sprecher des FC Basels, dass man im St. Jakob-Park auch schon gefälschte Fanartikel gesichtet habe. Viel dagegen unternehmen könne man aber nicht. Beim BSC Young Boys soll man schon Kontakt mit den Onlinehändlern aufgenommen haben. Bis auf kleine Erfolge, dass einzelne Artikel aus dem Portfolio entfernt worden sind, hat man aber nichts erreicht. Die Onlineportale verweisen oftmals an die Produzenten der Ware. Diese sitzen meist in China und sind schwer zu greifen. Gegenüber dem "Tagi" lässt der vorhin erwähnte FCB-Sprecher verlauten, dass man aber vor rechtlichen Schritten nicht zurückschrecke, sofern diese erfolgsversprechend sind. Primär betrifft die Problematik noch immer die grossen Player aus den internationalen Topligen. Ihnen entgehen Einnahmen durch den Verkauf von Fanartikeln. In der Schweiz wird primär auf Präventionsarbeit gesetzt. Erschwerend kommt für die Klubs aber hinzu, dass man sich beim Kauf eines solchen Produkts nicht strafbar macht, solange man keinen Handel damit treibt.
Eine Frage des Volumens
Wie kann man sich die Preisgestaltung der Onlinegiganten erklären? Der Tagesanzeiger deckt, anhand des Selbsttests auf, dass die Qualität der bestellten GC-Shirts dürftig ist. Günstig und vor allem rein maschinell produziert, ist das Fazit eines herbeigezogenen Experten von 11Teamsports. Der angewandte Sublimationsdruck färbt den synthetischen Stoff so ein, dass Vereinswappen, Spielernamen und Sponsoren direkt eingefärbt sind. Durch das überstehen die Shirts auch einige Waschgänge. In anderen Beiträgen, wie beispielsweise vom WDR, wird auf die teils giftigen Farbstoffe hingewiesen, die bei Billigproduktionen von Fake-Shirts zum Einsatz kommen. Gespart wird also an allen Enden. Doch lässt dies wirklich so tiefe Verkaufspreise zu? Nein!
Die Wahrheit liegt irgendwo anders. Das Journalistenteam des Tagesanzeigers nahm Kontakt mit Darius Zumstein von der Fachhochschule Nordwestschweiz auf. Er ist ein Fachmann, wenn es um chinesiscche Onlinehändler wie AliExpress oder Temu geht. Die gefälschten Fussballtrikots bezeichnet er als "Lockvogelangebote". Die Shirts sollen dazu animieren, den digitalen Warenkorb zu füllen. Wurde ein erstes Produkt angewählt, folgen oftmals auch zwei, drei andere Artikel, deren Margen besser aussähen. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit eine verlockende Strategie. Dass die Versandkosten ebenfalls zu günstig ausfallen, überrascht bei genauerer Betrachtung ebenfalls nicht - und lässt das Herz eines jeden Kapitalisten hochspringen. In den letzten Jahren nahm die Paketflut aus China immer grössere Formen an. Für den Konsumenten ist es einfach geworden, Bestellungen in Fernost zu tätigen. Der Aufwand ist ähnlich hoch, wie wenn man ein Shirt im Online-Shop des Servette FC bestellt. Interessant wird es aber dann, wenn man auf die Frachtkosten zu sprechen kommt. Hier verhandeln die Onlineriesen Gesamtverträge für den europäischen Markt aus. Je höher das Versandvolumen, desto günstiger der Paketpreis. Firmen wie AliExpress belassen die besagten Dumpingangebote also in ihren Online-Shops, obwohl sie wissen, dass sie daran nichts verdienen werden. Durch das damit generierte Sendungsvolumen kann man irgendwo anders Einsparungen verzeichnen. Unter dem Strich dürfte sich das Vorgehen lohnen.
Auch sonstige Fälschungen sind im Umlauf
Das Geschäft mit den Fake-Trikots dürfte recht lebendig sein. Doch damit ist noch nicht genug. Wie auch schon wir bemerken durften, tauchen immer wieder Fanartikel von Gruppierungen auf, welche diese Produkte nie produzieren liessen. Im Falle von uns Maroons existiert seit einigen Monaten eine Fahne, die online angeboten wird. Diese stammt nicht von uns, entspricht aber dem Design eines älteren Schals. Auch der Ursprung der angebotenen Schals ist uns schleierhaft. Wir haben diese allesamt einzeln verkauft. Es dürfte sich also um Einzelexemplare eines Sammlers handeln, welche auf dem entsprechenden Portal angeboten werden. Sachen gibts, die gibt es nicht.

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