Zusammen mit Basels Xherdan Shaqiri ist Dylan Bronn der einzige Super-League-Akteur, der an einer FIFA Weltmeisterschaft ein Tor erzielen konnte. Auch im nächsten Sommer will der Tunesier mit zur WM - vorher hofft er aber auf eine Teilnahme am Africa Cup of Nations.
Souverän qualifizierte sich Tunesien vor einigen Wochen für die Weltmeisterschaft (wir berichteten). Etwas knapper war die Quali-Kampagne für den Afrika-Cup, der vom 21.12.2025 bis zum 19.01.2026 in Marokko ausgetragen wird. Mit lediglich zwei Punkten Vorsprung auf Gambia sicherten sich die Nordafrikaner ihr Endrundenticket. Fussball in Afrika ist anders als in Europa. Trotz riesiger Euphorie treffen die Spieler während Qualifikationsspielen oftmals nicht zeitgemässe Infrastruktur und holprige Plätze an. So wie Tunesien, das in der WM-Quali beispielsweise auf Äquatorialguinea traf, oder sich in Duellen mit Liberia messen durfte. Auch lange Auswärtsreisen stehen immer wieder auf dem Programm. Für das Gastspiel gegen Namibia (im südafrikanischen Johannesburg) durchquerten die "Adler von Karthago" einmal den ganzen Kontinent.
Trotz all der Beschwerlichkeiten freut sich Bronn jedes Mal auf Länderspiele mit Tunesien. Im Oktober erzählte er dem Blick, wie er als kleiner Junge die Spiele des tunesischen Nationalteams als Fan verfolgte. Als Sohn eines Lothringers und einer Tunesierin hat Bronn auch französische Gene in sich. Dennoch hätte er nicht zwei Mal überlegen müssen, als er 2017 das erste Aufgebot vom damaligen Tunesien-Trainer Henryk Kasperczak erhalten habe. Mit der Zusage für das tunesische Nationalteam habe er seiner Mutter etwas zurückgeben wollen, weil sie ihn, für seine Leidenschaft, bei Wind und Wetter durch die Gegend gefahren habe. Auch heute sei die Beziehung zu seinen Eltern noch sehr eng. Egal ob er mit Tunesien auf dem Platz steht, oder beim Servette FC - vor und nach der Partie wird telefoniert. Seine Eltern seien stolz darauf, was er erreicht habe. Er sei wiederum stolz, dass er ihnen ein einfacheres Leben ermöglichen konnte. Sein Vater, ein ehemaliger Marinesoldat, soll übrigens zu einem riesigen Fan des tunesischen Nationalteams geworden sei. "Er schaut sich lieber Tunesien an, als das französische Nationalteam", verrät Bronn dem Blick-Journalisten.
Ein steiniger Weg ins Profigeschäft
Dass Dylan Bronn heute die Landesfarben der Heimat seiner Mutter vertreten darf, ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Im Gegensatz zu einigen seiner Freunde, schaffte er es nie in eine Nachwuchsabteilung eines grösseren Vereins. Die AS Cannes, sein Jugendklub, war zwar bekannt für die Talente, die sie hervorgebracht hat (Gaël Clichy, Patrick Vieira oder Zinédine Zidane), im Herrenfussball war sie aber eine kleine Nummer. Bronn war schon fast zwanzig Jahre alt, als er mit Cannes in der vierten Liga Frankreichs auflief. Nach einem Konkurs und einer Zwangsrelegation fand er sich gar im Sumpf des Amateurfussballs wieder. Er hatte Glück, dass der Klub dennoch gut aufgestellt war. Obschon er bei mehreren Klubs im Probetraining scheitertem kam er über Kontakte beim Chamois Niortais FC unter. Dort konnte er sich in der Ligue 2 etablieren. Von Niort aus schaffte der Defensivspezialist den Sprung nach Belgien zur KAA Gent. Über den FC Metz landete er schliesslich bei der US Salernitana in Italien. Dort geriet seine Karriere erneut ins Stocken.
Trotz 24 Serie-A-Einsätzen in seiner ersten Saison spielte der heute 30-jährige in Salerno plötzlich keine Rolle mehr. Im Gespräch mit dem Blick reflektiert er die Zeit. Auch wenn der Klub und seine Fans für immer in seinem Herzen bleiben würden, soll vor Ort das Chaos geherrscht haben. Alle paar Monate haben die Verantwortlichen alles auf den Kopf gestellt. Heute spielen die "Bersagliera" nur noch in der drittklassigen Serie C.
In der Hinrunde der Spielzeit 2023/2024 wurde Bronn an der Amalfiküste aussortiert. Mit einem guten Dutzend anderer Spieler musste er sich fernab vom Fanionteam fit halten. Als sich die Winterpause näherte, reagierte sein Berater und organisierte eine Leihe zum Servette FC. In der Schweiz traf er auch auf seinen Jugendfreund Enzo Crivelli, mit dem er seine ganze Kindheit verbracht habe. Zusammen durften sie ein halbes Jahr später den Gewinn des Schweizer Cups feiern. "Diese sechs Monate waren absolut top!", resümmiert der Abwehrspieler. Zu einem Verbleib in Genf kam es vorerst nicht. Aus persönlichen Gründen, primäer weil er einen "sauberen" Abgang wollte, kehrte der 47-fache Nationalspieler nach Salerno zurück. Als sein Vertrag im Sommer ausgelaufen sei, war es eine einfache Entscheidung, einem definitiven Wechsel zum 17-fachen Schweizermeister zuzustimmen. Dabei war es auch kein Thema, dass die Super League keine Topliga sei. "Servette ist ein geschichsträchtiger Klub. Ich bin lieber hier, als irgendwo im Mittelfeld der Ligue 2, oder im Tabellenkeller der Ligue 1", gab Bronn bekannt. Natürlich merke man es aber, im Gegensatz zur Zeit bei Salernitana, dass man in Genf am Tag nach dem Spiel weniger angesprochen werde, als in anderen Ländern.
Pläne für nach der Karriere
An einen Abschied aus der Calvin-Stadt denkt Bronn momentan nicht. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern fühlt er sich wohl am Genfersee. Seine Wurzeln hat der Abwehrpatron dennoch nie vergessen. Gerne möchte er seine Karriere einmal bei der AS Cannes ausklingen lassen - dort wo alles angefangen hat. Dort, wo er als 20-jähriger vom Profigeschäft geträumt hat, als ihn seine Mutter längst zu einem "normalen" Job bewegen wollte. In Cannes habe er seine Jugendzeit verbracht - und ausgelebt! Ich war immer mit meinen Freunden zusammen. "Wir haben uns mit Frauen getroffen, waren am Strand, haben Fussball gespielt, oder waren im Nachtleben unterwegs", gesteht Bronn. Das habe erst dann gestoppt, als es mit dem Fussball "ernster" geworden ist. Etwas, dass ihn beispielsweise von Timothé Cognat unterscheidet, der seine Jugend in der Nachwuchsakademie von Olympique Lyon verbracht hat. Das alles wird Bronn, eines Tages, wieder in die Heimat treiben. Bei der AS Cannes könne er sich, nach seiner Aktivzeit, auch eine Rolle abseits des Platzes vorstellen.
Nun gilt der Fokus jedoch dem Africa Cup of Nations. Das Aufgebot von Trainer Sami Trabelsi wird in diesen Tagen erwartet. Ab dem 08.12.2025 dürfen die Spieler zusammengezogen werden. Wir sind gespannt, ob Bronn den "Cut" überstehen wird. Als Stammkraft im tunesischen Abwehrriegel dürfte seine Nomination nur noch Formsache sein.
Fotos: R.B.

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