Er träumte vom Meistertitel, von europäischen Highlights: Präsident Marc Roger. Alles nur Schall und Rauch. Die Chronologie des Untergangs.
24. Februar 2004: Der französische Spielervermittler Marc Roger erhält für einen symbolischen Franken die Aktienmehrheit der Servette AG und das Recht, das neue Stade de Genève zu betreiben. Die Vereinsschulden betragen 4,4 Millionen Franken.
24. Mai: Servette erhält in zweiter Instanz die Lizenz, muss aber die Saison wegen Verstössen gegen die Lizenzvorgaben mit drei Minuspunkten beginnen.
15. Juli: Fünf Tage vor Beginn der Super-League-Saison sagt Servette dem Meister und Meisterschaftskrösus Basel den Kampf an. Marc Roger: «Wir haben die Mittel, um Basel zu entthronen.»
8. August: Servette verliert in Aarau 0:4. Es ist die dritte Niederlage im vierten Meisterschaftsspiel. Roger: «Wie soll man die Diskrepanz zwischen unserem fantastischen Potenzial und den peinlichen Leistungen erklären?»
16. August: Marco Schällibaum muss Adrian Ursea als Trainer weichen. Schällibaum hatte Servette in der Saison zuvor auf den dritten Platz geführt. Seine Bilanz 2004/2005 ist hingegen katastrophal: 6 Spiele, 5 Niederlagen und 3:14 Toren. Roger: «Das Ziel bleibt der Titel.»
22. August: Servette verpflichtet Daniel Joao Paulo. Der Brasilianer ist der 21. Neuzugang seit Rogers Machtübernahme.
13. Dezember: Es wird bekannt, dass Servette bis Saisonende zehn Millionen Franken benötigt, um das Überleben zu sichern. Rogers Hoffnungen ruhen auf dem ehemaligen Real-Präsidenten Lorenzo Sanz, der bereits rund fünf Millionen Franken in Servette investiert hat.
25. Dezember: Die Besitzer des Stade de Genève kündigen den mit Roger abgeschlossenen Vertrag zum Betreiben des Stadions.
11. Januar 2005: Servette muss die Bilanz deponieren. Das Gesuch um Aufschiebung des Konkurses ermöglicht den Genfern, die Suche nach Investoren bis zum 21. Januar fortzusetzen.
13. Januar: Servette trainiert erstmals seit der Winterpause wieder. Obwohl die Spieler seit Monaten keinen Lohn mehr erhalten haben, erscheint beinahe das komplette Kader.
21. Januar: Servette wird unter Druck der Gläubiger ein weiterer Konkursaufschub gewährt. Bis zum nächsten Termin vor dem Handelsgericht in Genf kann Servette seine Suche nach Investoren fortsetzen.
24. Januar: Marc Roger stellt den angeblichen Retter vor. Der libanesische Geschäftsmann Joseph Ferraye, nach eigenen Angaben Erfinder einer Löschmethode für brennenden Erdölfeldern, will sofort 17 Millionen investieren. Einziges Problem: Ferraye hat das versprochene Geld nicht.
26. Januar: Die Spieler und Trainer Adrian Ursea stellen nach über vier Monaten ohne Lohn den Trainingsbetrieb ein.
31. Januar: Servette erhält vom Genfer Handelsgericht einen weiteren Konkursaufschub von zwei Tagen.
2. Februar: Das Urteil verzögert sich weiter. Verhandlungen mit potenziellen Investoren aus Syrien machen Hoffnung.
4. Februar: Gerichtspräsident Patrick Chenaux verhängt den Konkurs.
16. März: Marc Roger kommt in Untersuchungshaft wo er mindestens bis Ende April bleiben wird.

Demo vom 14.2.05 |

Job oder kein Job? |

Adieu Karembeu! |

Marc Roger!! |
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Die letzten Jahre waren für den Servette FC ein steter Kampf gegen den Konkurs. Sportliche Resultate wurden zur Nebensache, in die Schlagzeilen geriet der 17-fache Meister vorwiegend wegen seiner finanziellen Misere.
Die Stadt Genf verfolgte den Untergang seines Fussballvereins beinahe emotionslos. Die Mobilisation der Fans blieb bis zuletzt gering. Eine Solidaritätskundgebung kam erst im zweiten Anlauf zustande, der zögerliche Spendenaufruf brachte kaum Geld ein. Wirtschaft und Politik zeigten sich völlig desinteressiert. Servette hatte sich in den letzten Jahren von seiner Stadt entfremdet. Zuletzt musste es in Frankreich, Spanien, Russland, Syrien oder Katar nach Geldgebern suchen.
Lange Zeit, bis in die Achtzigerjahre, galt Servette als Statussymbol. Der polysportive Verein zählte unter seinen Mitgliedern einflussreiche lokale Persönlichkeiten, stellte neben einer erfolgreichen Fussballmannschaft auch Basketball-, Tennis-, Handball-, Eishockey- oder Volleyballteams. Er konnte sich der Unterstützung der Stadt, des Kantons und der Romandie sicher sein.
Die lokale Verwurzelung half dem Verein jahrelang, sich aus finanziellen Krisen zu retten. Als Servette 1934 ein erstes Mal die Bilanz deponieren musste, konnte es auf den Support einflussreicher Persönlichkeiten zählen. Unter der Leitung von Gabriel Bonnet, zwischen 1915 und 1927 Servette-Präsident und später Fifa-Vizepräsident, entkam der renommierteste Sportklub der Westschweiz dem finanziellen Absturz.
Nach einer Umstrukturierung und einer sportlichen Durststrecke gewann der Genfer Verein 1940 seinen neunten Meistertitel, ohne eine einzige Niederlage hinnehmen zu müssen. 19 Siege, 3 Unentschieden und ein Torverhältnis von 64:14 in 22 Spielen sind auch in Zeiten einer allgegenwärtigen FCB-Dominanz eine eindrückliche Bilanz.
Doch vor allem in den folgenden zwei Jahrzehnten erarbeitete sich der SFC den Ruf, einen technischen und spektakulären Fussball zu spielen. Damals kamen regelmässig über 20´000 Zuschauer in die Charmilles, um «Lulu» Pasteurs Dribblings und Jacky Fattons Tore zu sehen.
Ende der Siebzigerjahre verzückte das Mittelfeldtrio Schnyder-Barberis-Andrey die Genfer Fussballliebhaber und sorgte 1979 für die erfolgreichste Saison der Klubgeschichte. Neben dem einzigen Double gewannen die Grenats damals den Ligacup und den Alpencup. Einzig im Meistercup, den sie 1955 mit einer Erstrundenbegegnung gegen den späteren Sieger Real Madrid als erstes Schweizer Team bestritten hatten, mussten sie sich geschlagen geben.
Bis Anfang der Neunzigerjahre und der nächsten finanziellen Krise sammelte Servette, ursprünglich als Rugbyklub gegründet, regelmässig Titel und stellte neben den Grasshoppers am meisten Schweizer Internationale.
1991 rettete der französische Milliardär Paul-Annick Weiller mit Investitionen von rund 14 Millionen Franken den Verein vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit. Er war es auch, der 1997 den Kontakt zum Medienunternehmen Canal+ herstellte. Der neue französische Investor wurde den in ihn gesetzten Hoffnungen aber nicht gerecht.
Nach dem Rückzug von Canal+ 2002 übernahmen der Franzose Michel Coencas und kurz darauf eine Genfer Investorengruppe die Präsidentschaft. Doch bereits nach wenigen Monaten stand diese mit dem Rücken zur Wand. Die verzweifelte, monatelange Suche nach neuen Geldgebern endete im Februar 2004. Der ehemalige Spieleragent Marc Roger, auch er ein Franzose, erhielt die Aktienmehrheit der mit über vier Millionen Franken verschuldeten Servette AG für den symbolischen Preis von einem Franken.
Der vermeintliche Retter beschleunigte mit seiner nicht nachvollziehbaren Transferpolitik den Zerfall. Sein Ziel von einem Zuschauerschnitt von 15´000 erwies sich als genauso utopisch wie die Ankündigung, um den Meistertitel mitzuspielen. In der Charmilles kamen zuletzt selten mehr als 5000 Fans, und auch nach dem Umzug ins Stade de Genève hielt sich der Publikumsauflauf mit einem Schnitt von rund 8500 in Grenzen.
Heute steht Servette, das sich als einziger Schweizer Verein seit 1900 in der höchsten Liga hatte halten konnte, vor einem Neuanfang. Die Zeit der grossen Namen ist vorbei. Vorläufig werden keine hochkarätigen Ausländer wie Christian Karembeu, Karl-Heinz Rummenigge oder Sonny Anderson und keine Nationalspieler wie Alex Frei, Patrick Müller oder Johann Lonfat ihre Zelte in Genf aufschlagen.
In der 1. Liga muss sich der Verein wieder hocharbeiten, getreu der Devise der Stadt Genf:
post tenebras lux, nach der Finsternis das Licht.
Quelle: Blick